Wie ihr die Schreibregel „Kill your darlings“ richtig anwendet

Wer auch immer sich schon mal Schreibtipps durchgelesen oder mit anderen Autor*innen ausgetauscht hat, wird wohl irgendwann über die Regel „Kill your darlings“ gestolpert sein. Die Chancen liegen sehr, sehr hoch, dass ihr den Kram kennt, wenn ihr schon einmal mit mir interagiert habt. Oder euch meine Blogposts durchgelesen habt. Oder so.

Wahrscheinlich kennt ihr den Müll, lasst es uns so sagen.

Da es aber um diese Regel herum extrem viele Missverständnisse gibt und sie sich generell perfekt für einen Blogpost eignet, behandeln wir sie doch heute mal ein bisschen.

Heute auch wirklich mal in der ganz, ganz knappen Version, damit alle hier auf einem wunderschönen Stand sind. Und damit’s nicht ganz so lang wird wie letztes Mal.

Dann lasst uns mal mit den Mythen aufräumen! Ich knacke schon mal sehr entschlossen mit den Fingerknöcheln. Okay, nein, das mache ich nicht.

Was bedeutet „Kill your darlings?“

Entgegen der Meinung vieler hat „Kill your darlings“ nichts mit dem Töten von Charakteren zu tun. Zumindest nicht im wörtlichen Sinne. Manchmal im übertragenen Sinne. Manchmal aber auch gar nicht.

Ein „darling“ ist in diesem Kontext etwas, das man sehr, sehr gerne am eigenen geschriebenen Werk mag. Das kann ein Charakter sein, es könnte sich aber auch genau so gut um ein ausgedachtes Königreich, einen Subplot oder einen einzelnen Satz handeln. Es könnte wirklich alles sein. Eine Sprache, die ihr euch extra schön ausgedacht habt, eine coole Waffe, für die ihr sieben Stunden lang physikalische Gesetze studiert habt, oder dieses eine stilistische Mittel, wegen dessen Nutzung ihr euch für extrem clever haltet.

„Aber meine darlings sind doch alle so toll! Wieso sollte ich die denn dann töten? Das finde ich ja jetzt schon fies von dir, Blaenk! :(„

Hört mir zu.

Warum sollte man seine darlings töten?

Zunächst einmal: Natürlich sollt ihr nicht all eure darlings töten. Ich verlange jetzt nicht von euch, einmal euer Manuskript nach allem, was ihr gut findet, zu durchsuchen, und es dann in die Mülltonne zu hauen.

Bei der Regel „Kill your darlings“ geht es darum, Dinge, die ihr vielleicht an oder in eurem Werk liebt, zu löschen.

WOAH, okay, Moment.

Warum sollte man Dinge löschen, die man liebt? Warum sollte ich eine Formulierung rausnehmen, die ich mit so viel Sorgfalt und Liebe im Schweiße meines Angesichts gefertigt habe? Warum sollte ich einen Charakter streichen, den ich über viele Jahre zu lieben gelernt habe?

Na ja, weil sie redundant sind.

Schreiberlinge wollen so etwas nie hören, aber manchmal bringen die Sachen, die wir uns ausdenken, unser Werk nicht weiter. Entweder, weil sie inzwischen veraltet sind, wir uns aber weigern, diese liebgewonnenen Antiquitäten zu löschen, oder weil sie schlicht und einfach auf schlechten Ideen basieren.

Folgt mir in die nächste Zwischenüberschrift, möglicherweise kann ich dort eure Mistgabeln und Fackeln besänftigen.

Wie kille ich denn nun meine darlings, Blaenk, du Monster?

„Kill your darlings“ ist meiner Meinung nach eine Schreibregel, die schnell zu „Löschungs-Exzessen“ verleitet. Plötzlich erscheint alles redundant und nutzlos und man möchte am liebsten die ganze Story in die Tonne kloppen. Oder zumindest geht’s mir so. Manchmal.

Professionelle Schriftsteller (zu denen ich beileibe nicht gehöre) werden häufig dazu raten, so sparsam wie möglich zu schreiben. Da wird rigoros alles gestrichen, was den „Kill your darlings“-Test nicht zweimal besteht.

Aber es ist wirklich nicht immer leicht herauszufinden, was nun eigentlich gehen kann und was nicht. Und obwohl ich euch leider keine spezifischen Tipps geben kann, weil das Thema so breit gefächert ist, können wir uns ja mal ein paar grobe Anhaltspunkte anschauen.

Was braucht eure Geschichte? Und was braucht sie nicht?

Wie gesagt: Bei „Kill your darlings“ geht es uns darum, alles zu löschen, was unsere Geschichte nicht weiterbringt. Leider könnte das wohl so ziemlich alles sein.

Möglicherweise könnt ihr schon eigenständig gewisse „Filler“ erkennen, also beispielsweise Szenen, die nur da sind, um da zu sein. Sie bringen weder die Haupthandlung noch irgendwelche Subplots weiter und es würde keinen Unterschied machen, wenn sie nicht da wären.

Ihr sucht genau diese Sachen. Alles, was ihr löschen könnt, ohne einen gravierenden Unterschied zu spüren.

Doch Obacht!

Wie gesagt verrennt man sich da schnell und sieht entweder gar nichts als löschungswürdig an – oder eben alles.

Manchmal ist es nicht offensichtlich, dass eine Szene oder ein Kapitel oder ein Satz die Geschichte weiterbringt. Zum Beispiel, wenn in dieser Szene Charaktere aufgebaut werden oder so etwas in der Art. Denkt also lieber zweimal drüber nach, was genau dieses spezifische Etwas erreichen soll, und wenn euch dann immer noch nichts einfällt, haut den Kram raus.

So lassen sich übrigens auch ganz hervorragend Wordcounts runterkloppen.

Der Satz bringt weder Story noch Atmosphäre noch Verständnis weiter? Okay, time to die. Also, der Satz. Nicht ihr. Wobei ihr vielleicht innerlich ein kleines bisschen mit sterbt, wenn ihr ihn rausnehmt. Ich verurteile euch nicht.

Ihr müsst nicht sofort alles löschen

Das wäre ja noch schöner.

Ich persönlich lösche Dinge nicht, ich übertrage sie lediglich in eine separate Datei und gucke dann, ob ich die Formulierungen oder Szenen irgendwann nochmal gebrauchen kann. Ist zwar meistens nicht der Fall, aber hey, immerhin muss ich meine darlings nicht töten. Nur einfrieren. Oder so.

Und auch beim Ausradieren von Charakteren gibt es einen sehr coolen Trick.

Möglicherweise kennt ihr es. Ihr habt einfach zu viele tolle Figuren und wisst gar nicht, wie und wo und wann ihr sie alle unterbringen sollt. Außerdem hat die Hälfte von ihnen eigentlich auch gar keine Rolle in der Story. Ungünstig.

Aber hier ist der „Kill your darlings“-Trick, von dem Ärzte nicht wollen, dass ihr ihn kennt: Kombiniert einfach Charaktere.

Ihr habt zwei Figuren mit wahnsinnig ähnlichen Persönlichkeiten, von denen nur eine überhaupt eine richtige Rolle in der Geschichte hat? Dann packt sie doch einfach zusammen und schon ist eines eurer vielen Probleme gelöst. Ta-da!

Testleser sind eure besten Freunde

Wie gesagt halte ich es für äußerst schwierig, eigenständig zu beurteilen, was man in der Geschichte behalten sollte und was nicht.

Aber zum Glück habt ihr ja brutale und ehrliche Testleser, nicht wahr? Die teilen euch bestimmt gerne mit, ob ihnen irgendein Teil eurer Geschichte überflüssig vorkommt. Und bevor ihr sie dann mit Macheten aus dem Haus jagt, könntet ihr ja kurz mal abwägen, ob sie vielleicht recht haben. Ist aber natürlich eure Sache, wie ihr mit eurem Eigentum umgeht.

Eine Zusammenfassung für Besucher der vierten Terrasse des Läuterungsberges

  • „Kill your darlings“ hat nichts mit dem Töten von Charakteren zu tun
    • Es bedeutet lediglich, dass man Dinge, die man zwar vielleicht liebt, die die Story aber nicht weiterbringen, aus eben dieser löschen sollte
  • Durchsucht eure Geschichte nach Kapiteln, Szenen, Charakteren, Sätzen und allem, was sie nicht weiterbringt
    • Weder die Haupthandlung noch einen der Subplots noch irgendetwas
    • Passt auf, dass ihr nicht versehentlich zu viel löscht
  • Löscht den Kram nicht, sondern speichert ihn woanders ab, falls ihr ihn doch mal benutzen wollt
    • Hilft der Moral
  • Ihr könnt auch Dinge (besonders Charaktere) kombinieren und sie dadurch kürzen
  • Bittet Testleser um Hilfe, falls ihr nicht wisst/beurteilen könnt, was ihr löschen könnt/solltet

Schreibe einen Kommentar