Wie ihr fesselnde Charaktere erschafft

Ah ja. Der wohl wichtigste Aspekt jeder Geschichte. Die Charaktere.
Eine Geschichte – ganz egal, ob es nun ein Roman ist, ein Film oder was auch immer – steht und fällt mit ihren Charakteren.

Bestimmt habt ihr auch schon einmal ein Buch gelesen und dabei bemerkt, dass jeder Charakter irgendwie gleich und vor allem gleich uninteressant ist. So etwas wollen wir für euer Projekt natürlich vermeiden!
Dabei ist es ziemlich egal, ob ihr euch schon Charaktere ausgedacht habt und ihnen nun noch das gewisse Etwas verleihen wollt oder ob ihr brandneue Figuren für eure Geschichte braucht. Diese Tipps lassen sich ganz leicht auf beide Situationen anwenden.

Und nun, ohne weitere Umschweife, präsentiere ich euch stolz meine fünf Tipps für fesselnde Charaktere.

(Disclaimer: „Er“ als Pronomen bezieht sich in diesem Eintrag auf “ der Charakter“. Natürlich gilt das alles hier auch für weibliche und nicht-binäre Charaktere. Keine Sorge.)

Rund oder Flach?

In diesem Post bin ich mehr auf den Unterschied zwischen runden und flachen Charakteren eingegangen und empfehle euch sehr, ihn zu lesen, weil er die ganze Thematik nochmal verdeutlicht, aber für diesen Tipp brechen wir das Ganze mal ganz kurz runter.
Runde Charaktere sind solche, die eine sehr umfangreiche, ausgearbeitete Persönlichkeit haben und sich im Verlauf der Geschichte verändern und entwickeln, während flache Charaktere das genaue Gegenteil sind: Meistens besitzen sie nur ein oder zwei Persönlichkeitsmerkmale und verändern sich im Verlauf der Geschichte nicht.

Euer Protagonist muss – unter allen Umständen und auf jeden Fall und ich kann das gar nicht genug betonen – ein runder Charakter sein.
Ich meine, es sei denn, ihr wollt irgendeinen experimentellen Kram in eurem Buch ausprobieren, aber an sich rate ich stark davon ab, eure Hauptfiguren flach zu halten.

Auch eure Antagonisten sollten rund sein. Flache Charaktere sind eigentlich nur solche, die ihr in ungefähr einer Szene benutzt und die eben keinen ausgefeilten Charakter brauchen. Es sollte sich relativ leicht erkennen lassen, in welche eurer Charaktere ihr mehr Arbeit reinstecken müsst und in welche eher weniger. (Was natürlich nicht heißen soll, dass ihr eure flachen Charaktere nicht trotzdem interessant machen dürft!)

Für flache Figuren braucht es eigentlich keine Tipps. Flache Charaktere entstehen meist aus der Not heraus, weil ihr halt einen Charakter für diese eine bestimmte Szene braucht, um den ihr nicht herum kommt. Auf den klatscht ihr dann noch eine halbe Persönlichkeit drauf und voilà! Da ist euer flacher Charakter.

Runde Figuren sind da etwas anspruchsvoller. Aber dafür sind das dann auch „fesselnde Charaktere“, wie im Titel versprochen.
Ihr wollt natürlich, dass eure Protagonisten möglichst interessant sind und dass die Leute sich an sie erinnern. Aber wie kriegen wir das nun hin?

Die Motivation

Ich meine jetzt nicht eure Motivation, warum ihr einen Charakter erstellt. Das… nee, das sollte euch klar sein.
Ich meine hier die Motivation eures Charakters.
Jeder. Einzelne. Runde. Charakter. Eurer. Geschichte. Braucht eine Motivation. Warum ist derjenige da? Was erwartet er sich? Was will er mit seiner Anwesenheit erreichen?

Sehen wir uns ein paar bekannte Beispiele an:

Katniss Everdeen aus der Buchreihe „Die Tribute von Panem“ von Suzanne Collins (für die Hinterwäldler, die noch nie davon gehört haben) muss an einem „Spiel“, in dem es um ihr Überleben geht, teilnehmen.
Was ist also ihre Motivation in der Hinsicht? Richtig, überleben.
Katniss trifft viele Entscheidungen im Verlauf dieser Bücher, in denen es ihr um ihr eigenes Überleben geht.

Andererseits gibt es da ja auch diesen einen bestimmten Aspekt, den wir nicht vergessen dürfen: Ihre Schwester, Prim, für die sie überhaupt erst an den Hungerspielen teilnimmt.

Liebe, sei es familiäre, romantische oder auch freundschaftliche, bietet sich als Motivation für Charaktere wirklich an. Natürlich haben Schriftsteller immer diesen unterbewussten Drang, die gesamte Familie ihrer Protagonisten umzubringen, deshalb… lasst uns weitermachen.

Sicherlich kennt ihr den Science-Fiction-Roman „Frankenstein“ von Mary Shelley. Auch, wer ihn nicht gelesen hat, müsste mit der Figur des Viktor Frankenstein vertraut sein. Ein „Wissenschaftler“, der in Wahrheit nur ein irrer Uni-Abbrecher ist, erschafft in seinem Wahn, Gott spielen zu wollen, ein mörderisches Monster.
Das Ganze ist natürlich etwas komplexer, aber sehen wir uns Viktors Motivation an: Leben erschaffen, Gott spielen, man nenne es, wie man will.

Viktor Frankenstein ist keine gute Person. Darüber sollten wir uns alle im Klaren sein. Er baut einen Menschen, fürchtet sich vor ihm und lässt ihn anschließend alleine im Regen stehen. Und im Verlauf der Geschichte steht er nicht ein einziges Mal für seine Taten gerade! Kein guter Mensch, nein, nein. Denken wir also im Folgenden auch mal an unsere Antagonisten.

Auch der Gegenspieler eures Protagonisten braucht etwas, das er anstrebt. Ein Ziel. Meistens ist das etwas Riesenhaftes, zum Beispiel die Weltherrschaft oder die Auslöschung des halben Universums. Ich sehe da niemand Bestimmten an.
Aber auch eurem Antagonisten darf es um etwas viel Simpleres gehen. Vielleicht möchte ja auch er einfach nur Liebe oder Freundschaft. Oder es geht auch ihm ums Überleben. In den Hungerspielen zum Beispiel ist beinahe jeder einzelne Tribut Katniss‘ persönlicher Antagonist, da die jeweiligen Motivationen (das Überleben) sich ausschließen. Nur eine Person kann schließlich die Hungerspiele gewinnen. Nicht wahr? NICHT WAHR?

Ich persönlich würde sogar soweit gehen, dass die Motivation eures Hauptschurken wichtiger ist als die eures Protagonisten. Schließlich geht es häufig darum, dass euer Protagonist euren Schurken aufhalten will, eben weil er mit der Motivation des Bösewichts nicht klar kommt.
Voldemort will Harry Potter töten? Da hat Harry Potter vermutlich etwas gegen.
Seht ihr? Simpel, effektiv.

Motivationen sind außerdem eine schöne Möglichkeit, Charaktere miteinander zu verbinden, sei es im positiven oder negativen Sinne.

Sagen wir, Charakter A – nennen wir sie Betty – plant, die gesamte Menschheit zu unterjochen und jeden einzelnen Menschen mit Blutgruppe AB in Folterkammern zu stecken. Warum genau das Bettys Ziel ist, sei dahingestellt. Vielleicht hat ihr mal wer Kaugummi in die Haare geklebt.
Jedenfalls wird aus dieser Situation heraus unser Charakter B – Siobhan– geboren. Siobhan hat nämlich Blutgruppe AB! Schock!
Unsere Protagonistin, Siobhan, will sich also aus verständlichen Gründen gegen Betty auflehnen und beginnt ihr Abenteuer.

Nun findet Siobhan auf ihrer Reise bestimmt noch ein paar mehr Charaktere, mit denen sie interagieren wird. Da sind zum Beispiel Eric und Charles.
Eric, der jetzt auch einfach mal Blutgruppe AB hat, hat sicherlich ähnliche Motivationen wie sie und ist tendenziell eher gegen Bettys Pläne. Dem entsprechend ergäbe es doch Sinn, wenn wir die beiden Charaktere in eine Abenteurergruppe stecken. Herrlich!
Charles hingegen, dem auch mal jemand mit Blutgruppe AB Kaugummi in die Haare geschmiert hat, ist sehr für Bettys Ziele. Sagen wir allerdings mal, Charles und Eric waren ihr Leben lang die besten Freunde. So prügeln sich Charles‘ Motivation, die Freundschaft aufrecht zu halten, und die, Rache an den AB-lern zu üben. Seht ihr? Und schon haben wir Charles interessant gemacht! Was wird er tun? Siegt die Liebe oder der Hass? Mann, ich bin ja so gespannt!

Motivationen in einem Charakter zu vereinen, die sich widersprechen, ist eigentlich immer eine gute Idee. (Natürlich kann auch das nach hinten losgehen, aber spielt einfach mal damit und euch fällt bestimmt eine coole Kombination ein!)

Wie ihr im Beispiel gesehen habt, gibt es für die Auswahl der Motivationen eines Charakters immer einen sehr, sehr wichtigen Aspekt, den man beachten muss:

Die Vergangenheit

Macht nicht den Fehler, den viele Kreative begehen, und hängt euch ewig an den Backstories eurer Charaktere auf. Natürlich macht es Spaß, die tragische Kindheit eures Protagonisten bis ins kleinste, traurigste Detail durchzuplanen, aber es führt leicht dazu, dass man einfach nicht zu schreiben anfängt.
„Ich kann noch nicht, ich muss doch den dritten Geburtstag meines Hauptcharakters in einem fünfzigseitigen Essay beschreiben!“
Nein, müsst ihr nicht.
Was in eure Geschichte nicht reinspielt, muss auch nicht geplant werden. Welche Nebencharakter Nummer Viers Lieblingsband war, als er sieben Jahre alt war, interessiert nun wirklich niemanden. Außer euch, vielleicht.

Dennoch ist die Vergangenheit als solche extrem wichtig und darf auf keinen Fall auf die leichte Schulter genommen werden. Sie beeinflusst die Sprache, die Weltanschauung und das gesamte Verhalten eines Charakters.

Wurde Betty zum Beispiel in eine sehr reiche und mächtige Familie hineingeboren? Dann ist sie vielleicht verwöhnt und hat früh gelernt, wie sie ihre Macht ausnutzt, um zu bekommen, was sie will. Vielleicht erwartet sie auch einfach, das zu bekommen, was sie will und schert sich dabei nicht um ihre Mitmenschen.
Das passt natürlich perfekt zu ihrer Motivation. Sie hält sich selbst für besser als andere und will natürlich ihren eigenen Willen und ihre Rachepläne durchbringen, ohne dabei zu bedenken, was sie den armen Leuten mit der Blutgruppe AB antut. (Dieses Beispiel ist so lächerlich, aber ihr versteht, was ich meine, richtig?)

Schauen wir uns nun Siobhan an. Gehen wir dabei nach dem wohl beliebtesten Autoren-Trend überhaupt: Waisen. Siobhan hat ihr Leben vielleicht in einem Waisenhaus verbracht und möglicherweise haben dort alle anderen Kinder aus welchem gottverdammten Grund auch immer die Blutgruppe AB. (So langsam erinnert mich das hier an Divergent, nur in noch absurder. Menschen werden anhand ihrer Blutgruppen geteilt. Supi.)
Nun kommt Betty um die Ecke und kündigt an, dass sie die böseste der bösen Imperatorinnen überhaupt werden will und halt machen wird, was sie plant zu machen. (Man erinnert sich.)
Die anderen Kinder im Waisenhaus schieben verständlicherweise Panik und rennen zum ältesten Waisenkind, Siobhan, die – hey, da haben wir eine neue Motivation – natürlich für ihre kleinen „Geschwister“ beschützen will und sich deshalb gegen Betty stellt.

Ihr seht: Die Vergangenheit und die Motivation sind sehr eng miteinander verbunden und häufig fällt einem zu einem von beiden etwas ein, während man eigentlich gerade das andere plant.
Ich rate dazu, einfach mit ein paar Ideen herumzuspielen. Selbst der lächerlichste Einfall oder sogar völlig zufällige Dinge, über die man einfach so stolpert, lassen sich oft zu genialen Ideen umformen.

Diversität

Das kann man jetzt auf viele verschiedene Arten und Weisen betrachten.
Meine ich Diversität im Sinne von Persönlichkeit? Im Sinne von Hautfarbe? Im Sinne von Blutgruppe?
Und die Antwort ist: Ja. Alles davon. Außer Blutgruppe. Es sei denn, ihr plant, euch Siobhans Geschichte anzunehmen. Da ist die Blutgruppe dann doch durchaus wichtig.

Jedenfalls solltet ihr wirklich darauf achten, in eure Besetzung zumindest etwas Diversität einzubringen. Und damit meine ich nicht, dass der männliche Nebencharakter Nummer Vier vielleicht mal vor Urzeiten einen Ehemann hatte, der dann in einem Nebensatz mal so halb erwähnt wird (und dazu am besten noch tot ist).

Es gibt doch nichts Cooleres, als seine Charaktere so unterschiedlich wie möglich zu machen! Vielleicht hat Siobhan irische Wurzeln, ist eine Trans-Frau und hetero, während Betty Afroamerikanerin, eine Cis-Frau und bi ist.
So könnt ihr auch sichergehen, dass möglichst viele Leser sich in einem eurer Charaktere wiederfinden können. Repräsentation! Immer wichtig, auch wenn ihr mir nicht glaubt.

Natürlich will ich nicht sagen „Wenn ihr eure Charaktere nicht vielfältig gestaltet, sind sie nicht interessant“, aber ich werde auf jeden Fall sagen, dass es dem Hauptcharakter meiner Buchreihe Molintery Warriors sehr gut getan hat, ihn aus der „straight white male“-Sparte herauszuholen.

Schreiben!

Große Überraschung: Ihr solltet schreiben. Ihr wisst schon… als Schriftsteller und so.

Ich schwöre euch hoch und heilig: Nichts hat meinen Charakteren so sehr bei ihrer Entwicklung von stereotypischen, langweiligen Pappausschnitten, die man alle kaum voneinander unterscheiden konnte, zu interessanten, spaßigen Menschen geholfen wie das Schreiben.

Überlegt euch einfach ein paar Situationen, in die ihr eure Figuren werfen könnt, und schreibt drauf los! Kurzgeschichten eignen sich besonders gut.
Durch das Schreiben eurer Charaktere kriegt ihr ein Gefühl für sie. Ihr lernt, wie sie sprechen, wie sie so ticken. Es gibt einfach nichts zu verlieren!
Ich empfehle besonders, bestimmte Szenen, die ihr in euren Roman einbauen wollt, zu verwenden, da ihr die Charaktere so nicht völlig aus ihrer normalen Umgebung herausholt. Ihr solltet sie vermutlich nicht einfach in eine komplett andere Welt werfen. (Wobei das natürlich auch mal Spaß machen kann, aber nur von Zeit zu Zeit, okay?)

Hier greift auch wieder die Wichtigkeit der Backstories eurer Charaktere: Ich liebe es zum Beispiel, Schlüsselszenen aus der Jugend meiner Figuren zu schreiben. Das hilft zum einen wie gesagt dabei, das generelle Verhalten des Charakters zu üben und einfach zu sehen, wie man das am besten und am effektivsten darstellen kann, aber zum anderen hilft euch das Schreiben von Szenen aus der Vergangenheit eures Charakters auch, seine Persönlichkeit auf einer anderen Ebene zu verstehen. Nichts hilft uns so sehr dabei, die Taten und den Charakter eines Menschen zu verstehen, wie uns seine Vergangenheit anzugucken.

Abschließend kann ich einfach nur noch einmal betonen: Habt Spaß! Versucht nicht, euch an eine strenge Liste zu halten, die ihr abarbeiten möchtet. Das Erschaffen von Charakteren ist ein fließender Prozess. Mal arbeitet man an ihrer Haarfarbe und plötzlich bekommt man einen Geistesblitz, der einem ihre gesamte Vergangenheit zu Füßen legt.

Eine Zusammenfassung für Besucher der vierten Terrasse des Läuterungsberges

  • Ist euer Charakter rund oder flach?
    • Flach: Charaktere ohne ausgearbeitete Persönlichkeit und Entwicklung
    • Rund: Charaktere mit ausgearbeiteter Persönlichkeit, die sich im Verlauf der Geschichte verändern
  • Motivation
    • Was ist die Motivation?
    • Vereint mehrere Motivationen in einem Charakter
    • Vereint mehrere sich widersprechende Motivationen in einem Charakter
    • Verbindet mehrere Charaktere durch ähnliche/die Gleichen Motivationen miteinander
  • Vergangenheit
    • Motivationen und Vergangenheit verbinden
    • Vernachlässigt durch das Planen der Vergangenheiten der Charaktere nicht das Planen der Handlung
    • Eigenschaften des Charakters im Einklang mit seiner Vergangenheit
  • Diversität
    • … Bitte… macht eure Charaktere einfach nicht alle gleich
  • Schreiben
    • Lernt eure Charaktere durch Anwendung kennen
    • Schreibt Szenen aus dem Leben eurer Charaktere

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Jennüüü

    Danke für dir Tipps! Die kann ich für meine Charaktere bestimmt gut gebrauchen!! 😀

    Lg Jennüüü

    P.S.: Haha! Ich bin kein Besucher der vierten Terasse des Läuterungsberges!

Schreibe einen Kommentar