So schreibt ihr Verrat, der euren Lesern das Herz aus der Brust reißt

Ich kenne euch doch inzwischen. Ich weiß ganz genau, wie gerne ihr eure Leser und euch selbst quälen wollt. Tod, Verderben, Schmerz, das alles sind für euch keine Fremdworte.

Und natürlich darf bei so einer schönen, bunten Mischung auch ein guter, seelenzerschmetternder Verrat nicht fehlen.

Passend zum letzten Post über Freundschaften, ein besonders friedliches Thema, unterhalten wir uns heute mal über diesen etwas weniger friedlichen Zweig zwischenmenschlicher Beziehungen.

Vorab aber noch ein kleiner Disclaimer: Verrat als solches ist ein unglaublich breites Thema. Es gibt so viele verschiedene Arten, einen zu schreiben, und vermutlich ist keine davon zu einhundert Prozent richtig oder falsch. Dennoch habe ich lange über diese Tipps nachgedacht und gehe davon aus, dass ihr damit schon mal eine gute Grundlage haben solltet. Viel Spaß beim Zerstören eurer Leser!

Wer ist dieser junge Mann namens „Verrat“ überhaupt?

Na ja, meistens soll er ein Schlag ins Gesicht für die Leser und die Protagonisten sein.

Es könnte der beste Freund aus Kindertagen sein, der vom Schurken ein Angebot bekommen hat, das er nicht ablehnen konnte. Und boom, plötzlich finden unsere Hauptcharaktere sich angekettet in einem Keller wieder, nachdem der beste Freund ihren Standort verraten hat, um seine Familie zu retten.

Es könnte aber auch die Schwester sein, die jahrelang von ihrer Familie wie eine Ausgestoßene behandelt wurde, was ihr Bruder so aber gar nicht wahrgenommen hat. Eigentlich begreift er es erst, als sie ihm ihren Baseballschläger über den Schädel zieht.

Oder es könnte die charmante Fremde sein, die unsere Protagonisten gerade erst kennengelernt haben. Sie gibt sich aufgeschlossen und freundlich, doch am nächsten Morgen ist sie verschwunden. Genau so wie die Vorräte! (Wobei diese sehr simple Form des Verrats nicht unbedingt die ist, die wir uns heute angucken.)

Ihr seht, Verrat kann in vielen Formen und Farben auftreten. Mal tut er mehr weh, mal weniger. Aber ein paar wichtige Dinge sind immer zu beachten.

Aufbau und Vorausdeutung sind immer eure Freunde

Aber besonders auch hier.

(Disclaimer Nummer zwei: Ich werde im Folgenden statt „Vorausdeutung“ das Wort „Foreshadowing“ verwenden. Vielen Dank.)

Wann immer ihr etwas in euer Werk einbauen wollt, das sich auch nur im geringsten wie ein Plottwist anfühlt (und das tut Verrat in 99 Prozent der Fälle), dann müsst ihr das vorher vernünftig aufbauen.

Ein Verrat ist keine plötzliche Entscheidung, sondern eine Entwicklung, die ein Charakter durchläuft. Meistens. Immerhin denkt sich niemand morgens nach dem Frühstück einfach mal so „Boah, wäre voll witzig, wenn ich heute all meine Freunde verraten würde“.

Ein wichtiger Teil ist da das Foreshadowing. Einfach nur einen Verrat rauszuhauen, ohne den Lesern vorher auch nur den kleinsten Hinweis gegeben zu haben, kann schnell an den Haaren herbeigezogen wirken. Die besten Verrate sind doch die, nach denen man sich denkt „Mensch, das hätte ich kommen sehen müssen“. Auf einmal bemerkt man all die kleinen Hinweis-Schnipselchen, die der Autor liebevoll darin verstreut hat.

Um allerdings diesen Effekt zu erzielen, dürft ihr auch nicht zu viel Foreshadowing betreiben. Wenn man den Verrat schon meilenweit riechen kann, trifft er einen weder emotional noch sonst irgendwie.

Et tu, Brute?

Wisst ihr, wann Verrat und Vertrauensbruch so richtig weh tun? Wenn man die Person, die einen gerade verrät, eigentlich sehr gerne mag. Wenn man von ihr niemals so eine Illoyalität erwartet hätte.

Und deswegen ist es ganz besonders wichtig, dass nicht nur eure Protagonisten eine Verbindung zu dem Charakter haben, der sie verrät, sondern auch die Leser.

Diese beiden Sachen gehen natürlich miteinander einher. Wenn euer Protagonist eine Person besonders gernhat und ihr das durch euer Schreiben gut rüberbringt (an dieser Stelle verweise ich nochmal auf meinen Beitrag zu Freundschaften zwischen Charakteren), dann werden auch die Leser sie mögen. Oder zumindest wird sie ihnen nicht egal sein. Und das ist eigentlich das Wichtigste.

Ganz hilfreich ist es da auch, wenn euer Charakter tatsächlich einen … Charakter hat! Hier ein Beitrag dazu.

Cur tu, Brute?

Disclaimer 3: Es folgen Spoiler für die „Star Wars“- und die „Captain America“-Filme. Direkt vor den genauen Stellen werde ich euch aber nochmal warnen. Andererseits handelt es sich bei den Spoilern um Dinge, die inzwischen sowieso (fast) jeder Mensch auf diesem Planeten weiß.

Warum hat der Senat Caesar ermordet? Warum hat Brutus da mitgemacht?

Alles Fragen, die sich so stellen. Und auf alle gibt es Antworten! Keine, die ich euch jetzt näher erläutern werde, weil ich nicht zu weit ausholen will, aber es gibt sie.

Hinter jeder Handlung einer Person steckt eine bestimmte Motivation. Wir bestellen uns eine Pizza, weil wir hungrig sind. Ihr lest diesen Beitrag, weil ihr etwas über Verrat in Büchern erfahren wollt. Paris hat Aphrodite als schönste Göttin auserwählt, weil er ganz eindeutig keine Ahnung von Prioritäten oder gesundem Menschenverstand hat.

Ich hoffe, ihr versteht, worauf ich hinaus will?

Selbstverständlich brauchen eure Charaktere immer eine Motivation, die ihre Taten erklärt. Aber besonders bei einem Verrat ist es wichtig, dass dahinter ein guter Grund steckt.

Ein paar Beispiele:

Der Star Wars-Spoiler, watch out!

Anakin Skywalker stand den Jedi immer positiv gegenüber. Er hatte definitiv einen Sinn für Gerechtigkeit und wollte Frieden für die Galaxis und all so ein Kram. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich jetzt nicht der größte Star Wars-Profi bin. Vergebt mir. Irgendein Star Wars-Fan wird sowieso ankommen und mir erzählen, dass ich alles falsch erkläre, also fangen wir an:

Durch die Intrigen des Imperators, der Anakin gegen die Jedi aufbringen wollte, und auch durch den wachsenden Druck, den die Sorge um seine Frau Padmé in ihm auslöste, hat der gute Junge seine Prioritäten allerdings ein bisschen durch die Gegend geworfen. Dazu kam natürlich noch seine durchaus problematische Persönlichkeit, die leider viel zu gut in dieses Schema passte.

Boom, dunkle Seite der Macht. Darth Vader. Was ein bisschen Irreführung und Schmerz nicht so mit einer Person anstellen können, hm? Da dreht man schon mal durch und hackt seinem eigenen Sohn die Hand ab.

Okay, könnte sein, dass ich die ganze Geschichte gerade etwas sehr stumpf und wenig detailliert runtergerattert habe, aber wir alle kennen den Werdegang von Darth Vader.

Unser guter Anakin wurde vom Imperator benutzt und manipuliert. Die sterbende Frau gegen ihn verwenden? Nicht cool, Palpatine!

Aber er hat das eigentlich ganz clever gehandhabt. Zweifel gesät, was den Jedi-Rat anging und Anakin so immer weiter auf seine Seite gezogen, ohne ihn wirklich aktiv dazu zwingen zu müssen, sich der dunklen Seite zuzuwenden.

Das wäre eine Form, einen Verrat effektvoll zu gestalten. Der Verräter ist in diesem Fall in Wahrheit selbst ein Opfer. Darth Vaders Motivation ist hier natürlich der Hass auf die ganze Welt und auf seine eigenen Entscheidungen, die ihn zu dem gemacht haben, was er ist, aber so ein Werdegang kann selbstverständlich auch in anderen Motivationen münden. Gier, die man durch die Macht entwickelt, die einem vielleicht gegeben wird, zum Beispiel.

Der Captain America-Spoiler, watch out!

Disclaimer Nummer 420: Ich beziehe mich auf die Filme, weil ich davon ausgehe, dass mehr Leute die gesehen haben. Wer liest heute schon noch Comics? Hahahahahaha.

Wo wir gerade bei mehr oder weniger freiwilliger Beeinflussung eines Charakters waren, sprechen wir jetzt doch mal über den guten James Buchanan Barnes, auch genannt Bucky.

Nach einem Sturz, der ihn eigentlich hätte umbringen müssen, von Hydra aufgesammelt und durch sie zu einer willenlosen Killermaschine umfunktioniert. Kein Schicksal, das man sich herbeisehnt.

Buckys Form von Verrat ist nochmal um einige Stufen weniger freiwillig als die zuvor behandelte, aber so gesehen ist es trotzdem einer. Allerdings steckt bei ihm keine wirkliche Motivation dahinter. Er hat keinen eigenen Willen mehr, er führt einfach nur Befehle aus.

Mit diesem Beispiel will ich euch nur zeigen, dass so etwas natürlich auch vollkommen legitim ist. (Und den Lesern gehörig auf den Herzen herumtrampeln kann!)

Natürlich gibt es noch dutzende andere Motivationen, die ihr euren Charakteren für ihren Verrat geben könnt, aber ihr findet da garantiert welche, die schön zur Story passen.

Muss ich es wirklich nochmal erwähnen?

Auf jede Aktion folgt eine Reaktion.

Und jede einzelne Aktion in eurer Geschichte muss sich auf das große Ganze auswirken. Sei es nun ein Subplot, den ihr in das Hauptgeschehen einwebt, oder das Hauptgeschehen selbst.

Konsequenzen.

Wenn jemand eure Charaktere verrät, dann muss sich das auf das restliche Geschehen auswirken. Das ist ja wohl eigentlich klar, oder? Immerhin betone ich das in so ziemlich jedem meiner Beiträge.

Wunderbar, dann sind wir uns da also einig! Konsequenzen sind wichtig und schön. Nutzt sie.

Eine Zusammenfassung für Besucher der vierten Terrasse des Läuterungsberges

  • Verrat kann in sehr unterschiedlichen Formen auftreten
  • Baut den Verrat vernünftig auf, haut ihn nicht einfach so urplötzlich raus
    • Betreibt aber auch nicht zu viel Foreshadowing, sonst wird’s offensichtlich
  • Protagonist(en) und Leser brauchen eine Verbindung zu diesem Charakter
  • Der Verräter braucht eine Motivation dafür, das zu tun, was er halt so tut
    • Beispiel Manipulation oder Gehirnwäsche: Euer Charakter muss also nicht völlig freiwillig einen Verrat begehen
  • Ein Verrat muss Konsequenzen nach sich ziehen. Duh.

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