So könnt ihr eure Charaktere töten

Nachdem ich euch nun in mehreren Beiträgen beigebracht habe, wie man Charaktere erschafft, wie man sie rund oder flach macht und wie man sie dann schreibt, ist es heute an der Zeit, eure schönen, neuen Charaktere wieder loszuwerden. Deshalb hier mal einige hilfreiche Tipps, wie ihr eure Charaktere töten könnt.

Dieser Beitrag wird euch wenig helfen, wenn ihr eine Geschichte schreiben wollt, die sich um eine friedliche Liebesbeziehung dreht. Vorausgesetzt, ihr wollt hier nicht sämtliche Genres sprengen.
Da ich aber in letzter Zeit hauptsächlich von Schreiberlingen gehört habe, die schön brutale, dystopische Geschichten raushauen möchten, in denen die Hälfte der Charaktere ins Gras beißt, hoffe ich einfach mal, dass dieser Post hier einige von euch weiterbringt.

Wie viele und welche Charaktere töten?

Wie in der Einleitung ja schon klar geworden sein sollte, hängt es natürlich unter anderem davon ab, was für eine Art von Geschichte ihr schreiben wollt.
Eigentlich verrät einem schon der gesunde Menschenverstand, dass in einer feel-good Romanze wenig bis keine Charaktere sterben sollten. Bis auf gewisse Ausnahmen natürlich. Ausnahmen gibt es immer und für alles, nehmt also keinen dieser Tipps zu ernst.

Dennoch lässt sich sagen: Je nach Genre sterben für gewöhnlich entweder mehr oder weniger Charaktere. In Kinderliteratur sind es meistens eher wenige, in einem Horror- oder Thrillerroman wäre kein Tod wiederum etwas seltsam, nicht wahr?

Viel wichtiger als diese Genreabhängigkeit ist aber die Plotabhängigkeit.
Ihr habt einen Charakter vor euch und möchtet diesen gerne umbringen. In Ordnung, okay. Aber lasst mich euch eine Frage stellen: Warum? Warum muss dieser Charakter sterben?
Ist eure Antwort auf diese Frage ein „Ääääh“ oder ein „Weil ich das halt so will“, dann solltet ihr euch ganz flott nochmal an den Grund für den Tod dieses Charakters setzen.
Der wohl klassischste Grund für einen Charaktertod ist die Motivation anderer Charaktere. Man denke an das klischeehafteste und langweiligste Beispiel, das mir gerade einfällt: Die Ehefrau eines Mannes, der aus irgendeinem Grund wahnsinnig gut trainiert und kampferfahren ist, wird von einer Gruppe von bösen Menschen getötet und nun macht besagter Mann es sich zur Aufgabe, Rache an all diesen bösen Menschen zu nehmen.

Jedenfalls: Seht ihr? Schon haben wir den Tod seiner armen Frau begründet. Würde sie nicht sterben, würde die Geschichte so nicht möglich.
Und das ist eigentlich immer das Wichtigste, was ihr beachten müsst: Ändert der Tod dieses Charakters irgendetwas? Sehen wir uns das nochmal etwas genauer an.

Die Beeinflussung der Handlung

Habt ihr euch schon jemals irgendwo Schreibtipps angeguckt, sticht eine Maxime immer wieder hervor: Alles, was passiert, muss die Geschichte in irgendeiner Form beeinflussen.
Stirbt nun einer eurer Charaktere und das ändert wirklich nichts an eurer Geschichte, warum tötet ihr die Figur dann überhaupt?

Ein Tod beeinflusst die Menschen um den Verstorbenen herum. Stirbt einer der Protagonisten eures Buches, ist das vermutlich einer der niedrigsten Punkte eurer Geschichte. Viele Charaktere sind traurig und das eröffnet euch natürlich die Möglichkeit, euch zum Beispiel um eine Nebengeschichte zu kümmern. Besonders rate ich euch, an diesen Tiefpunkten einen Fokus auf die Beziehung zwischen den verbliebenen Charakteren zu legen.
Ist zum Beispiel gerade die beste Freundin eures Protagonisten gestorben, bietet es sich vielleicht an, die gestörte Beziehung des Protagonisten mit seiner Familie anzugehen, weil die ihm möglicherweise in dieser schweren Zeit Trost spenden will.
Es wird deutlich: Nicht nur die Haupthandlung darf durch einen Charaktertod beeinflusst werden, sondern natürlich auch die einzelnen Charaktere und damit auch alle möglichen Subplots, die ihr gerade am Laufen habt.

Was ich eigentlich sagen will, ist, dass ihr niemals einen Charakter nur töten solltet, um eure Leser zu deprimieren oder um des Charaktertodes willen. Ein guter Tod hat immer Handlungs- oder Charakterrelevanz.

Charaktere „loswerden“

Nachdem wir uns die guten Gründe für einen Tod angesehen haben, kümmern wir uns mal um einen halbguten Grund, der aber in letzter Zeit häufiger in Büchern auftaucht als der der Motivation.

Nehmen wir mal an, einer eurer Charaktere hat ganz offiziell seine persönliche Geschichte abgeschlossen und ihr habt nun leider keinerlei Verwendung mehr für ihn.
In solchen Situationen ist es kein Problem, die Figur „loszuwerden“, indem ihr sie einfach umbringt. Klingt hart und… ist es auch.
Dennoch dürft ihr natürlich nicht vergessen, dass auch diese Tode Konsequenzen haben müssen.

Diesen Grund gibt es natürlich einmal in der guten Variante, aber auch in der schlechten.
Wenn der Charakter einen wichtigen Part in der Geschichte gespielt hat und damit fertig ist, ist es (wie gesagt) völlig in Ordnung, ihn daraufhin zu töten.
Viel zu häufig wollen Schreiberlinge aber Charaktere töten, die ihnen ein Dorn im Auge sind, weil sie in der Geschichte eigentlich keine Rolle spielen.

Seht euch mal die Besetzung eures Buches an: Was macht jeder einzelne Charakter und warum könntet ihr ihn nicht einfach streichen?
Das gilt übrigens auch für alle Charaktere, die nicht sterben.

Viel zu häufig ist es auch mir schon passiert, dass ich mir eine meiner Figuren angesehen und gedacht habe „Hm, irgendwie macht derjenige ja gar nichts Handlungsrelevantes“. Diese Charaktere will man dann gerne mal durch einen Tod „wichtigschummeln“. Das heißt, sie machen zwar nichts in der Geschichte an sich, aber ihr Tod soll dem Leser einmal richtig schön in die Eingeweide boxen, damit er zumindest irgendetwas getan hat.
Glaubt mir, kein Leser trauert um einen nutzlosen Charakter, der die ganze Handlung nur damit zubringt, den Protagonisten hinterherzueiern.

In diesem Sinne hat das Wort „töten“ in dem Zusammenhang etwas herrlich Reales, da ihr die Charaktere, die in eurer Story nichts tun, einfach löschen solltet und sie damit tatsächlich irgendwo „umbringt“.
Wie sagt man? „Kill your darlings“.

Töten für den Realismus!

Ah, ihr wollt gerne Game of Thrones spielen, ich verstehe.
Klar, wenn ihr beispielsweise über einen Krieg schreiben wollt, ergibt es Sinn, dass auch mal wichtigere Charaktere sterben. Schließlich wollt ihr ja nicht, dass eure Bösewichte letztendlich wie die Stormtrooper in Star Wars aussehen.
Sterben alle irrelevanten Charaktere um eure kleine Gruppe von Protagonisten herum, aber den relevanten Hauptcharakteren wird niemals auch nur ein Haar gekrümmt, könnte man das natürlich als unrealistisch bezeichnen.

Es ist natürlich eine absolute Geschmackssache, aber da es vielen Leuten gefällt, wenn auch mal Protagonisten sterben, müsst ihr euch da keinen Zwang antun.
Euren tatsächlichen Hauptcharakter, also die Person, aus deren Sicht die Geschichte geschrieben ist (vorausgesetzt, es ist kein auktorialer Erzähler und ihr habt nicht mehrere Sichten) zu töten, ist unter den meisten Lesern hingegen eher verpönt und deshalb empfehle ich das an dieser Stelle mal nicht.

Der Aufbau des Todes

Beißt einer eurer wichtigeren Charaktere ins Gras, sollte es offensichtlich sein, dass ihr ihn nicht einfach so umnietet und das dann so stehen lasst. Hätte bestimmt auch irgendeine Art von Effekt, ist aber nicht gerade sehr beliebt.

Stattdessen empfehle ich für einen gelungenen Charaktertod ein gut durchdachtes „Vorher“ und „Nachher“.

Die beliebteste Art und Weise, eine Figur umzubringen, ist wohl die selbstlose Aufopferung für eine bestimmte Sache (wie zum Beispiel gegen die bösen, bösen Unterdrücker der Menschheit) oder einen oder mehrere andere Charaktere, meistens natürlich für den Protagonisten.

Eine Aufopferung kann man natürlich fantastisch inszenieren. Vielleicht findet vorher ein großartiger Kampf statt und nun wird Herr Nebencharakter vor die Wahl gestellt: Wird er sich selbst retten und fliehen? Oder wird er Frau Protagonistin retten und sich dabei selbst opfern?
Klingt doch schon mal schön dramatisch, oder? Mit der richtigen Ausschmückung sollte das ja wohl die Tränendrüsen der Leser in Bewegung setzen.
Dennoch empfehle ich, bei Todesszenen und den Szenen kurz davor nicht allzu viel Zeit mit Schwafeln zuzubringen. Zieht ihr die Szene zu lang, beginnt der Leser, sich zu langweilen, und dann können wir das mit den Tränendrüsen vergessen.

Das „Nachher“ ist natürlich genauso wichtig wie das Vorher. Die durchschnittliche Trauerzeit beträgt bei den meisten Menschen sechs Monate bis zwei Jahre, wobei ihr euch sehr gut an den Fünf Stufen der Trauer (falls nicht bekannt: einfach mal Google fragen) orientieren könnt. Beim „Nachher“ geht es hauptsächlich um den Umgang eurer Protagonisten mit dem Tod des verstorbenen Charakters. Zeigt den Lesern, wie er sie beeinflusst hat und so weiter und so weiter.

Eine Zusammenfassung für Besucher der vierten Terrasse des Läuterungsberges

  • Die „Genreabhängigkeit“
    • Je nach Genre sterben mehr oder weniger Charaktere (Kinderbuch: wenig; Thriller: mehr)
  • Die „Plotabhängigkeit“
    • Jeder Tod braucht einen Grund
    • Jeder Tod muss die Handlung beeinflussen
    • Es ist egal, ob der Tod die Haupthandlung oder eine Nebenhandlung beeinflusst
    • Die Charaktere der Geschichte müssen vom Tod beeinflusst werden
  • Charaktere „loswerden“
    • Hat ein Charakter seine Rolle in der Geschichte erfüllt und ihr habt nun keine Verwendung mehr für ihn, ist es eine legitime Möglichkeit, ihn umzubringen
    • Tut ein Charakter in eurer Geschichte nichts anderes, als zu sterben, und sein Tod beeinflusst die Handlung nicht, löscht ihn am besten einfach
  • Realismus
    • Passt es zu eurer Geschichte, dürft ihr Charaktere natürlich auch für den Realismus töten (Beispiel Kriegsroman)
  • Auf- und Abbau des Todes
    • Wichtige Charaktere sollten niemals ohne angemessenen Aufbau getötet werden
    • Nehmt euch Zeit in eurem Buch, den Tod des Charakters aufzubauen, danach aber auch zu verarbeiten
    • Zur Verarbeitung gehört die Trauer eurer anderen Charaktere (Stichwort: Fünf Stufen der Trauer)

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Jennüüü

    Fjjddhdhegzeudjyhyhdhdhdhd ich will meine Babys nicht töten! Nuuu! Aber ich schätze ich muss zumindest ein paar loswerden :,(

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