Warum „Inspiration“ beim Schreiben eines Buches euer Todfeind ist

Es ist mal wieder Zeit für einen Schreibtalk! Und unser heutiges Thema ist die Inspiration. Speziell: Warum Inspiration euch beim Schreiben eines Buches kein bisschen weiterbringt. Also ernsthaft. Null.

Na gut, vielleicht 0,1. Aber mehr nicht!

Moment. Warum kommt mir dieses „Das bringt euch nicht weiter“ so bekannt vor? Ach ja! Weil ich schon einen Beitrag dazu gemacht habe, warum Stilmittel euch nicht weiterbringen. Hach. Das war auch schön. Ich habe viel über Ovid gesprochen. Heute wird der vermutlich nicht auftauchen, was eigentlich extrem schade ist, aber ich schweife schon wieder ab.

Der Tag, an dem ihr anfangt, die Inspiration als euren Todfeind zu sehen, ist der Tag an dem ihr erwachsen werdet. Das positive Erwachsenwerden, das mit der Weisheit und so, nicht das mit den Steuern und dem Stress.

Mensch, heute bin ich mal wieder echt im Laber-Fieber. Vielleicht sollten wir lieber schnell anfangen.

Ich fasse an dieser Stelle schon mal diesen ganzen Beitrag in einem einzigen Satz zusammen: Ihr braucht keine Inspiration zum Schreiben. So. Und jetzt steckt mal kurz die Fackeln und Mistgabeln weg und hört mir zu, während ich diese Position verteidige.

„Todfeind“ mag ein sehr hartes Wort sein

Ändert nichts an meiner Aussage, aber wir sind ja hier sehr milde, gemäßigte Menschen. Deswegen mache ich mal einen Schritt auf euch zu. Außerdem rieche ich immer noch den Rauch, den die Fackeln verströmen, und höre das Klirren der Mistgabeln. Meine Güte, beruhigt euch doch mal, meine Freunde.

Inspiration ist an sich nichts Schlechtes oder Böses. Wenn man so richtig inspiriert ist, sich hinter die Tasten klemmt und fröhlich drauflosschreibt, ist das doch das schönste Gefühl der Welt, nicht?

Zu einem wahren Problem wird es nur, wenn ihr anfangt, Inspiration als das zu betrachten, was viele Menschen im Kaffee sehen.

„Ohne einen Kaffee am Morgen geht bei mir gar nichts.“

Mag für einige stimmen, macht es aber nicht weniger hemmend.

Macht euch auf keinen Fall von der Inspiration abhängig. Wenn ihr euch selbst einredet, ihr könntet nur schreiben, wenn ihr euch inspiriert fühlt, werdet ihr euer Buch niemals fertig kriegen. Eine harte Wahrheit, ja, aber definitiv eine Wahrheit.

Sich auf Pinterest oder Instagram zu verschanzen und ästhetische Bilder zu speichern, um sich selbst zu inspirieren, ist eine sehr nette Umschreibung fürs Prokrastinieren. Und nein, Schreibprompts für Kurzgeschichten über eure Charaktere rauszusuchen, ist nicht besser. So wird euer Buch ganz bestimmt nicht fertig.

Der Unterschied zwischen schreiben und Schreiben™

Jetzt mal ernsthaft: Wenn ihr nur schreibt, um abzuschalten und euch nach einem langen Arbeitstag mal was Gutes zu tun, dann nehmt euch die Inspiration, zieht ihr ein Mützchen an und haltet sie meinetwegen als Mitbewohner. (Man hält sich doch Mitbewohner, oder? Sind wie Tiere, ne?)

Ist das Schreiben nur euer Hobby, dann dürft ihr es auch gerne als genau das behandeln. Dann dürft ihr so lange auf Inspiration warten, bis ihr alt und grau seid. Ist mir egal.

Dieses Mindset wird erst dann zum Problem, wenn ihr das Schreiben als mehr als ein Hobby seht. Wenn ihr es zu einer Karriere machen wollt.

Hobby und Beruf sind nämlich zwei komplett unterschiedliche Dinge, was jetzt wenig überraschend sein sollte, wenn ich da mal ehrlich sein darf.

Mein Schwager muss sich auf dem Golfplatz deutlich weniger darum kümmern, ob er gute Leistungen erzielt, als Tiger Woods. Ändert jetzt nichts daran, dass er trotzdem jedes Mal den Schläger ins Gras donnert, wenn er einen Schlag verpatzt, aber das sei mal dahingestellt.

Dennoch höre ich immer wieder Sprüche wie: „Och, ich bin nicht inspiriert genug zum Schreiben“ oder „Heute hat mir leider die Inspiration zum Schreiben gefehlt“. Für jeden dieser Sprüche wächst mir übrigens ein graues Haar. Wollt ihr das? Wollt ihr, dass ich mit zwanzig schon graue Haare habe? Nein, das wollt ihr nicht!

Nein, aber jetzt mal ernsthaft: Je schneller ihr anfangt, das Schreiben als Job zu betrachten, desto schneller wird es auch zu einem werden. (Vielleicht, weil ihr dann auch tatsächlich mal schreibt und eure Zeit nicht auf Pinterest vergeudet.)

Die wohl honigsüßeste Lüge der Welt

Das ist die Inspiration.

Wie ich am Anfang sagte: Ihr braucht keine Inspiration, um schreiben zu können. Und sobald ihr euch darüber im Klaren seid, habt ihr schon einmal den wichtigsten Schritt gemacht.

Der Beruf eines Autors ist allen anderen Berufen erschreckend ähnlich. Man setzt sich hin und dann arbeitet man. Oder man steht. Kommt auf den Beruf an. Aber als Schriftsteller sitzt man vermutlich. Meistens. Was weiß ich, ist ja eure Sache, ob ihr während des Joggens schreibt oder sowas.

Machen wir mal ein ganz gewagtes Gedankenexperiment, okay?

Wir stellen uns unsere Kreativität als Muskel vor.

Wie kriegt man einen Muskel dazu, stärker zu werden? Richtig, man trainiert ihn! Am besten so oft wie möglich. (Solange das in einem gesunden Rahmen bleibt.)

Letztendlich ist die Kreativität nichts anderes als ein Muskel, den ihr im Idealfall jeden Tag trainiert. Genauso wie das Schreiben. Fähigkeiten müssen halt geübt werden, das ist ja wohl jedem klar.

Um also tatsächlich etwas fertig zu kriegen und vernünftig zu arbeiten, ist es das Allerbeste, wenn ihr jeden Tag schreibt. Natürlich ist das nicht für jeden möglich. Aber schon ein paar Worte am Tag können eurer Routine echt helfen.

Darauf kommt es nämlich letztendlich an – Routine.

Auch, wenn ihr euch am Anfang ein bisschen abquälen müsst, um wirklich jeden Tag etwas zu Papier zu bringen. Sobald ihr euch erstmal eine gewisse Routine angeeignet habt, werdet ihr definitiv schreiben können. Auch ohne Inspiration.

„Disziplin“ ist hier wohl das Schlüsselwort, würde ich sagen. Haltet euch vor Augen, dass das Schreiben euer Job ist. Und seinen Job erfüllt man am besten, wenn man eine vernünftige Routine hat. So funktionieren Menschen halt leider. Ihr könnt noch so tolle Inspirationsphasen haben, jemandem mit einer guten Schreibroutine werdet ihr niemals das Wasser reichen können. Sorry.

Oder – um es kurz zu sagen: schreiben = arbeiten

Ihr würdet als Kassierer*in auch nicht mit der Arbeit warten, bis ihr euch so richtig schön inspiriert fühlt, euch mit der nervigen Kundschaft abzumühen, oder?

Klar. Schreiben ist immer noch eine Kunstform, sehe ich ein. An der Kasse zu stehen, ist da etwas weniger kreativ. Aber der Vergleich steht trotzdem. Zu schreiben bedeutet zu arbeiten, zumindest, falls ihr tatsächlich Autor*in werden wollt.

Und zum Abschluss werde ich euch jetzt noch eine Wahrheit offenbaren: Ihr werdet auch ohne Inspiration ganz wunderbar schreiben. Anfänglich vermutlich mit etwas weniger Elan, aber dafür umso effizienter. Da müsst ihr euch ehrlich überhaupt keine Sorgen machen.

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