Hasse deine Charaktere, um ein gutes Buch zu schreiben

Ich weiß gar nicht genau, was das hier ist. Ein Schreibtalk? Ein Schreibtipp? Eine heidnische Mischung aus beidem? Na ja, davon ausgehend, dass mich sowieso jeder für diesen Beitrag steinigen wird, ist das eigentlich egal. Es wird ein Blogpost, der sich jetzt schon so anfühlt wie Alexander Hamiltons Reynolds Pamphlet.

Wo war ich? Ach ja, man soll seine Charaktere hassen.

„Aber… Aber! D:“

„Ich liebe doch all meine Charaktere! Ich kann sie nicht hassen! Was verlangst du da von mir, Blaenk? D:“, schreit ihr jetzt ganz aufgeregt.

Und lasst mich euch eines sagen: Ich hasse nicht einen einzigen der Charaktere, die bisher in meiner Buchreihe auftauchen. Ich hasse einige, die nicht auftauchen oder nicht einmal namentlich erwähnt werden, aber ich hasse keine einzige Figur, die tatsächlich auftritt. Nicht eine.
Es gibt einen Grund dafür, warum ich sie als „meine Kinder“ oder „meine Babys“ bezeichne.

Warum verlange ich dann von euch, dass ihr eure Charaktere hassen sollt?

Na, weil ihr sie nicht wirklich hassen sollt. Mit dieser Formulierung meine ich etwas Anderes. Aber lasst mich erläutern.

Eine Geschichte lebt von ihren Konflikten. Gibt es keinen Konflikt, gibt es auch keine Handlung.
Katniss Everdeen geht gegen Präsident Snow vor, weil er das Land unterdrückt.
Elsa unterdrückt ihre Eismagie, weil sie Angst hat und sie nicht kontrollieren kann.
Bella und Edward kämpfen gegen die Volturi, weil die ihr Kind Resümee umbringen wollen. Oder so. Was weiß ich. „Resümee“? „Renaissance“? „Vive la résistance“? Ich glaube, ich bin schon ganz nah am echten Namen dran…

Verstehen wir uns? Konflikte. Sind eine Sache. Eine recht wichtige sogar. Die wichtigste. Okay.

Und ich verstehe, dass ihr eure Charaktere ganz doll lieb habt. Ihr habt so viel Arbeit in sie hineingesteckt, sie sozusagen großgezogen.
Und jetzt will ich, dass ihr sie zerstört.

„Aber… Aber! Auch meinen Hauptcharakter? :(„

Ganz besonders euren Hauptcharakter. Brecht ihm sämtliche Gliedmaßen, zündet ihn an, tötet all seine Liebsten. Macht ihn so sehr kaputt, dass es so aussieht, als könnte er nie wieder heil werden.

Wooow, das war sehr hart. Gehen wir nochmal einen Schritt zurück.

Euer Held ist nicht unverwüstlich

Klar, ein Held ist ein Held. Er ist heldenhaft. Er übersteht alles.

Was aber noch lange nicht heißt, dass er alles unbeschadet übersteht.

Wisst ihr, was als Autor immer eure Priorität Nummer eins sein sollte? Dass die Leser mit euren Charakteren mitfühlen.
Und wie erreicht ihr das am besten? Indem die Leser mit euren Charakteren mitleiden.

Zeigt uns, wie euer Protagonist immer wieder auf den Boden geworfen wird und jedes einzelne Mal wieder aufsteht. Wie er sich den Staub abschüttelt und weiterkämpft. Sowas bringt die Leser dazu, ihn anzufeuern und mit ihm mitzufiebern.
Ich kann mir keine erstrebenswertere Charaktereigenschaft vorstellen als Entschlossenheit. Immer weiterzumachen, auch wenn die ganze Welt gegen einen steht.

Aber kommen wir doch nochmal auf den Aspekt der Konflikte zurück.

Ihr habt also eine wunderbare Figur erschaffen, die ganz viele tolle Eigenschaften hat, eine tragische Vergangenheit und eine höchst spannende Gegenwart? Ist ja super!

Wie kriegen wir da jetzt möglichst viel Konflikt rein?
Oh, ich weiß! Wir hassen einfach mal kurz unsere Charaktere!

Ihr habt einen verwöhnten, stinkreichen Schnösel, der in einer gigantischen Villa lebt und tagtäglich mit seinen vier Porsches Gassi fährt?
Simpel, wir klauen ihm all seinen Besitz! Ihr holt schon mal den Flammenwerfer, ich kümmere mich um das Benzin.

Na gut, bei so einem Charakter ist das natürlich echt einfach. Nehmen wir uns stattdessen doch mal wen vor, der sowieso schon bemitleidenswert ist.

Ein weißbärtiger alter Mann hat sein ganzes Leben damit verbracht, nach dem endlosen Wissen zu suchen. Er hat jedes Fach studiert, jedes Land besucht, jedes Buch verschlungen, aber sein Wissensdurst konnte nie gestillt werden.
Er weiß nur eine einzige Sache: Dass das hier schon immer sein größter Wunsch war. Dass er immer nur ein Ziel hatte: das Universum und die Welt um ihn herum in all seinen Einzelheiten zu verstehen.

Nehmen wir nun allerdings an, dass ein charmanter Mann um die Ecke kommt und ihm versichert, dass er ihn endlich glücklich machen könne. Nur hat dieses Versprechen nichts mit unendlichem Wissen zu tun, sondern mit Frauen, scheinbar. Was weiß ich.

Unser Held stellt plötzlich alles infrage. Alles, was er jemals gewollt hat, was er jemals gekannt hat, wird ihm unter den Füßen weggerissen und er muss sich selbst noch einmal völlig neu kennen lernen.

Abgesehen davon, dass das gerade quasi eine Faust-I-Interpretation war, klang das doch echt nach einem coolen Konzept, nicht? Hihi.

Und noch ein letztes Beispiel, falls mein Punkt nicht sowieso schon überdeutlich ist, dieses Mal in Extra Simpel™.

Charakter hat Angst vor etwas. Ihr nehmt Charakter und Ding, vor dem er Angst hat, werft sie zusammen in einen Karton und klebt den Deckel zu.

Effizient.

Lasst eure Charaktere mit dem Unbekannten Bekanntschaft machen, mit den Dingen, vor denen sie sich fürchten. Das führt auf jeden Fall zu Konflikt. Und wenn es nur euer Protagonist ist, der weinend neben einer Spinne in einem luftdicht verschlossenen Karton sitzt.

(So macht ihr übrigens auch jeden einzelnen Charakter interessanter. Jeden.)

Euer Bösewicht ist unverwüstlich

Natürlich sollte euer Protagonist am Ende das Böse besiegen und euren Bösewichten zur Schnecke machen. Das ist ja wohl ganz klar! Wir schreiben hier schließlich keine Tragödien. Richtig? RICHTIG?

Dennoch gehört es zum effektiven Charakterhassen dazu, dass ihr euren Antagonisten mal die Hand reicht. Die dürft ihr nämlich besonders nett behandeln.

Ich formuliere es mal so: Wo Fortuna eure Protagonisten mit Unwettern und flüssigem Pech straft, sollte sie eure Antagonisten mit Gold und ebenen Wegen segnen.

Euer Bösewicht sollte den Protagonisten die ganze Geschichte über immer mindestens vierundsiebzig Schritte voraus sein. Es sollte konstant so aussehen, als hätten sie keine Chance gegen ihn. Das macht ihren letztendlichen Sieg, den sie sich besonders hart erkämpfen, umso eindrucksvoller!

Wäre doch langweilig, wenn man sich beim Lesen eures Buches nicht panisch auf den Fingernägeln herumkauen müsste, weil es die ganze Zeit so scheint, als hätten unsere Helden nicht die geringste Chance gegen diese Übermacht von Bösewicht. Er ist einfach zu intelligent, zu gewieft, zu stark, zu mächtig, zu alles.

Wann immer eure Protagonisten gegen euren Bösewicht vorgehen, sollten sie immer an ihrem äußersten Limit tänzeln.

Fragt euch Folgendes:

„Was ist das Schlimmste, das meinem Charakter in dieser Situation passieren kann?“

Und dann lasst es geschehen.

Eure Geschichte sollte an keinem Punkt ein Spaziergang für euren Protagonisten sein. Er sollte sich alles hart erkämpfen müssen. Gebt eurem Hauptcharakter niemals einfach das, was er haben will. Lasst ihn für jedes einzelne Krümelchen durch ein Minenfeld kriechen.

Die Frage ist nicht „Wie kann ich diese Situation für meine Charaktere verbessern?“, sondern „Wie kann ich diese Situation für meine Charaktere verschlimmern?“

Klar, eure Figuren müssen jetzt nicht konstant nur leiden. Das wäre auch nicht sehr angenehm zu lesen. Ihr müsst lediglich darauf achten, dass sie nichts geschenkt bekommen. Kriegt ihr hin. Gar kein Problem.

So entsteht übrigens auch Charakterentwicklung. Wenn man immer nur das kriegt, was man will, ohne sich dafür in irgendeiner Form verändern zu müssen, wird man das auch nicht tun.
Vielleicht lernt man etwas über Hilfsbereitschaft, vielleicht etwas über Loyalität, vielleicht etwas über Respekt. Ganz gleich, was es ist, man lernt Veränderung meistens durch eine gewisse Menge Qual.

Ob diese Veränderung positiv oder negativ ist, ist an dieser Stelle sogar relativ egal. Es wäre schließlich auch möglich, dass ein Charakter nur das bekommt, was er will, wenn er sich in eine eher fatale Richtung entwickelt.

Wusstet ihr eigentlich schon, dass ich auf Musicals stehe?

Natürlich habe ich für meinen eben genannten Punkt mal wieder ein Beispiel: Das Musical „Hadestown“. Ich kann nur jedem empfehlen, es sich anzuhören, es ist fantastisch.

Ich gehe an dieser Stelle mal davon aus, dass ihr mit der Geschichte von Orpheus und Eurydike zumindest minimal vertraut seid. Falls nicht – habe ich euch denn noch nicht dazu bringen können, Ovids Metamorphosen zu lesen?
Falls ihr die nicht kennt, ist es eigentlich auch egal. Ich fasse das Musical mal möglichst knapp zusammen. Das unterscheidet sich so oder so ganz schön von der Vorlage.

(Ach ja: Spoiler-Alarm. Hört euch den Kram erstmal an!)

Also: Die Welt ist nicht gut drauf, weil Hades, Gott der Unterwelt (wobei er hier wohl eher als „Gott der Wirtschaft“ bezeichnet werden kann. Ach nee, ist ja das Gleiche. Haha), seine Frau Persephone am liebsten immer bei sich haben will, sie aber eigentlich das halbe Jahr lang in der Oberwelt leben soll. Er holt sie allerdings immer viel zu früh wieder zurück und lässt sie erst zu spät wieder gehen. So gibt es nur noch den eiskalten Winter und den glühend heißen Sommer, weil sie das nicht mehr vernünftig regeln kann. Herbst und Frühling fallen raus.

Szenenwechsel: Orpheus trifft Eurydike, die beiden verlieben sich ineinander. Alles schön.
Eurydike ist eine Frau, die ihr Leben lang auf Achse gewesen ist. Wann immer ihr ein Ort nichts mehr geboten hat, war sie ganz schnell weg. Orpheus hingegen ist ein Träumer. Er verbringt seine Tage damit, an einem Lied zu schreiben, das die Welt wieder ins Gleichgewicht bringen soll.

Die beiden kommen also zusammen. Super. Als Persephone jedoch von Hades nach „Hadestown“ (in dieser Geschichte also der Hades, in den die Seelen nach dem Tod kommen) geholt wird, hält der Winter Einzug. Eurydike verzweifelt, weil Orpheus nichts gebacken kriegt, und als Hades ihr dann auch noch das Angebot macht, zu ihm nach Hadestown zu gehen, um dort ein „sicheres“ Leben zu führen, verfällt sie in alte Muster zurück. Sie flieht aus der unangenehmen Situation und lässt Orpheus zurück. Schon traurig.

Orpheus ist allerdings ein Protagonist und macht sich dementsprechend auf die Suche nach seiner Geliebten. Er geht nach Hadestown.

Dort angekommen läuft es für ihn nicht so gut: Er findet Eurydike zwar recht schnell, aber sie erklärt ihm, dass sie nicht gehen kann, wenn Hades sie nicht freiwillig gehen lässt. Sie ist für immer in Hadestown gefangen und je länger sie sich dort aufhält, desto weniger menschlich wird sie. Sie beginnt, ihre Erinnerungen und sich selbst zu vergessen und so wie all die anderen Seelen zu werden, die sich für ein Leben in Hadestown entschieden haben und dort tagtäglich für Hades schuften.

Apropos Hades! Orpheus tritt ihm gegenüber und verlangt von ihm, Eurydike freizulassen. Läuft nicht so gut, wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt.

Wir überspringen mal ein bisschen was und kommen zu der Stelle, an der Orpheus Hades sein fertiggestelltes Lied vorsingt und Hades sich dazu entscheidet, Orpheus und Eurydike gehen zu lassen. Unter einer Bedingung: Er läuft vor ihr den Weg nach Hause entlang und darf sich nicht zu ihr umdrehen. Falls er das doch tut, muss Eurydike für immer in Hadestown bleiben. Relativ simpel, richtig?

Allerdings hat Orpheus über das Musical hinweg eine Entwicklung durchlaufen. Aus dem Träumer ist ein eher skeptischer, vorsichtigerer Mensch geworden.

Während aus der misstrauischen Eurydike eine hoffnungsvollere Figur geworden ist, die sich auf ein Leben mit ihrem Liebsten freut, der sie sicherlich aus diesem Albtraum herausholen wird (jetzt mal ehrlich, hört euch „Wait for me (Reprise)“ an, das Lied ist meine Lebensessenz), ist bei Orpheus das genaue Gegenteil passiert.

Er traut Hades nicht. Und ehrlich gesagt – warum sollte er das auch?

Natürlich denkt er nach allem, was er durchgemacht hat, dass das hier ein Trick ist. Warum sollte Hades Eurydike und ihn einfach so gehen lassen? Das ergibt doch keinen Sinn!
Und schwupps – schon hat er sich umgedreht. Und was sieht er? Eurydike, die die ganze Zeit direkt hinter ihm war. Tja, da heißt es wohl Abschied nehmen. Was will man machen?

Diese Geschichte ist natürlich eine Tragödie und für Protagonisten mit einem Happy End ist die Nachahmung nicht zu empfehlen.

Aber es zeigt euch, wie Leid einen Charakter verändern kann: Orpheus reitet sich hier selbst voll in seine eigene Tragödie rein. Zwar nicht bewusst und es ist auch nicht seine Schuld, aber dennoch.
Er musste oft genug einsehen, dass seine hoffnungsvolle Natur ihn nicht weiterbringt und dass etwas mehr Vorsicht sinnvoll ist. Nur dass ihm diese Entwicklung so rein gar nichts Positives bringt.

Orpheus kriegt nichts geschenkt. Er muss immer weiter für seine Geliebte kämpfen. Dass das am Ende alles nichts bringt, liegt natürlich an der tragischen Natur der Geschichte. Aber theoretisch hätte es ja auch klappen können.

Er lernt über den Verlauf der ganzen Geschichte, sich selbst und das, was er kennt, infrage zu stellen. Dass diese Entwicklung im entscheidenden Moment gegen ihn wirkt, schieben wir natürlich mal wieder auf die Tragödie. Aber sowas kann einen Charakter ja auch stärker machen. Wenn genau diese Vorsicht am Ende gefragt gewesen wäre, hätte alles gut funktioniert. Hach, schade.

Aber ihr versteht, was ich mit dem Titel dieses Beitrags meine: Ohne kämpfen zu müssen, ohne zu leiden, werden eure Charaktere sich nicht verändern und so werden eure Geschichten flach bleiben.

Und auch wenn es schwierig sein kann, seinen Figuren immer das Schlimmste zu wünschen, hasst eure Charaktere.

Eine Zusammenfassung für Besucher der vierten Terrasse des Läuterungsberges

  • Ich verlange nicht, dass ihr eure Charaktere tatsächlich hassen sollt
    • Ihr sollt sie nur leiden lassen
    • So entstehen Konflikte
    • Bonjour, willkommen in der echten Welt
  • Eure Helden (besonders euer Protagonist) darf nichts geschenkt bekommen
    • Sie sollten immer weiterkämpfen und wieder aufstehen, so werden die Leser sie anfeuern
    • So kommt Charakterentwicklung zustande
  • Eure Schurken solltet ihr hingegen nicht hassen
    • Der Bösewicht sollte eine Übermacht darstellen
    • Der Held sollte wirklich alles geben müssen, um ihn besiegen zu können

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