Für wen schreibt ihr eigentlich euer Buch?

Oh! Noch ein Schreibtalk! Und keine Sorge, heute komme ich euch nicht mit einer überraschenden Latein-Stunde um die Ecke, so wie letztes Mal. Ich werde versuchen, Ovid möglichst im Schrank stehen zu lassen. (Wobei ich nichts versprechen kann.)

Heute widmen wir uns mal der Frage: Für wen schreibt ihr eigentlich euer Buch? Für wen ist eure Geschichte? Wen wollt ihr erreichen?

Klar, wenn man ein Buch schreibt, hat man zumeist eine bestimmte Lesergruppe im Hinterkopf. Deswegen gibt es die Aufteilung in Kinder- und Jugendbücher, Young Adult und Adult. Und natürlich die besonders große Auswahl in der Literatur speziell für Senioren.
Dann muss man sein Werk noch in verschiedene Genres einteilen und zieht damit vielleicht entweder die Vampir-Freaks an Land, möglicherweise aber auch die Sci-Fi-Nerds. Oder wenn man es ganz schlecht trifft, erwischt man die… Dystopie-Fans. Ich muss mich schütteln.
(Um den Witz zu verstehen, müsst ihr wissen, dass ich momentan an einer Dystopie schreibe. Haha.)

Aber heute sprechen wir nicht über Genres, nicht mal über Altersgruppen. Heute sprechen wir über das, was wirklich zählt.

Na gut, das andere Zeug zählt auch. Sogar sehr. Aber über sowas rede ich dann bei den Schreibtipps und nicht hier. Die Schreibtalks sind schließlich das Format, in dem ich richtig schön meine uninteressanten Meinungen in die Welt hinausschreien darf.

Also los geht’s!

Die Message

Jedes Werk dieser Welt trägt mindestens eine bestimmte Botschaft in sich. Bei moderner Kunst wäre das häufig, dass nicht jedes Werk dieser Welt eine bestimmte Botschaft in sich trägt. Krass, hm?

Bücher sind da nochmal etwas Anderes als Gemälde oder Statuen. Mit ihren vielen Facetten und Subplots haben sie sehr viel Platz für eine ganze Wagenladung von kleinen Mitteilungen, die ihre Autoren der Welt zukommen lassen wollen.

Wenn ihr schon ein Buch geschrieben habt oder es gerade schreibt, dann befinden sich darin bestimmt auch viele Botschaften, viele Werte, die ihr durch euer Werk verbreiten wollt. Beziehungsweise sie in die Köpfe der Menschen pflanzen wollt. Im positiven Sinne natürlich! Ich hoffe, ihr macht nicht den bösen Diktator, der sich durch Gehirnwäsche eine Gefolgschaft aneignen will.

Vielleicht schreibt ihr ein Buch darüber, wie der Held der Geschichte mit einem schweren Verlust umzugehen lernt. Möglicherweise wollt ihr dadurch zeigen, dass man in solchen Zeiten anderen Menschen sein Vertrauen schenken und sich professionelle Hilfe suchen muss. Das wäre etwas, das ihr Menschen in ähnlichen Situationen ebenso beibringen würdet wie eurem Helden. Durch Geschichten finden wir Vorbilder.

Wir finden aber auch Negativbeispiele, die wir uns eben nicht zum Vorbild nehmen sollten.
Denken wir doch mal an die guten alten griechischen Sagen.

Etwa vierhundert Prozent aller griechischen Sagen warnen durch die Handlungen der Charaktere vor einer übersteigerten Hybris. (Wer zufällig das Wort „Hybris“ nicht kennt: Hochmut. Danke.)

Man muss sich nur mal die Geschichte von Ikarus angucken:
Überhebliches Bürschchen wird mit Hilfe der Flügel, die sein Vater aus Wachs und Federn baut, nach endlos langer Gefangenschaft endlich in die Freiheit entlassen, wird übermütig, fliegt zu nah an die Sonne heran. Plötzlich schmilzt das Wachs und das Jungchen stürzt in den Tod. Echt hart, wenn man mal so darüber nachdenkt.

Er wollte wortwörtlich zu hoch hinaus und musste dafür letztendlich sterben. Dafür, dass er nach der Sonne greifen wollte.

(Und da wir uns ja heute ganz bewusst von Ovid distanzieren, erwähne ich an dieser Stelle seine Version der Geschichte auch gar nicht.
Wobei ich das gerade getan habe. Verdammt!)

Die alten Griechen haben immer die Bodenständigkeit gepriesen. Also, eventuell mehr so die normalen Leute und nicht unbedingt immer die stinkreichen Adeligen in ihren Palästen. Aber dementsprechend ging Hybris bei den coolen Leuten so gar nicht klar. Und deshalb befassen sich auch so viele Geschichten von damals mit genau diesem Thema.

Für wen schreibt ihr also eure Geschichte?
Für alle, denen ihr etwas beibringen möchtet. Entweder, indem ihr ihnen einen Helden zeigt, der das tut, was ihr für richtig haltet, oder indem ihr ihnen einen Charakter zeigt, der eben genau das Falsche tut, was ihr durch eure Geschichte kritisiert.

Das Gleiche gilt auch für Situationen oder ganze Welten. So sind Dystopien häufig überspitzte Zukunftsvisionen, vor denen der Autor warnen will.

Man muss sich nur mal George Orwell angucken. Sein Roman 1984 kritisiert offensichtlich totalitäre Regime und verschiedene Aspekte der Hitler- und Stalin-Herrschaften.
Die Welt in seinem Roman ist sozusagen eine Fusion der beiden Regime und es lässt sich nicht zuordnen, in welches politische Spektrum die Partei nun genau gehört.

Während die Gedankenpolizei zum Beispiel zum Stalinismus passt, lässt sich ein Konzept wie Neusprech besser Hitlerdeutschland zuordnen.

Orwell ging es nur darum, die Gefahr zu kritisieren, die jedes totalitäre System für die Menschen darstellt. Er hat nicht spezifisch auf den Nationalsozialismus oder den Kommunismus abgezielt, weil er das auch gar nicht musste. Schließlich ist in der totalitären Version alles schlimm. (Wobei Nationalsozialismus auch so immer schlimm ist.)

Oder, um das alles hier zusammenzufassen: Bei Dystopien liegt eigentlich immer Gesellschaftskritik vor, während Liebesromane sich häufiger um die Psyche von Personen kümmern und da positive Botschaften überbringen wollen oder sowas. Je nach Genre werdet ihr wohl verschiedene Ideen in die Köpfe der Menschen pflanzen, aber ich meine… theoretisch könnt ihr auch in ein Comedy-Buch Kritik am Krieg einbringen. Haut rein, was weiß ich, was ihr da für geniale Einfälle habt.

„Aber das wird Leser abschrecken“

Hier mal eine unlustige Anekdote. Hm, das war ein Oxymoron. Interessant.

Ich habe mal mit einer Person gesprochen. Besagter Person erzählte ich, dass ich in meinem Buch Molintery Warriors viele Charaktere habe, die Teil der LGBTQ+-Community sind. Also, ich habe mich da jetzt nicht hingestellt und gesagt „HEY, meine Charaktere sind übrigens LGBTQ+!“. Wir haben einfach nur über meine Charaktere gesprochen und dabei kamen wir halt auf das Thema.

Ich habe also ein wenig über meine Schätzchen geredet und schließlich guckt diese Person mich an und sagt zu mir: „Dann werden die ganzen homophoben Leute dein Buch aber nicht lesen.“

Und ich sitze da erstmal einige Sekunden und starre sie wie gelähmt an.

Dann musste ich ihr doch ernsthaft erklären, dass ich gar nicht will, dass homophobe oder transphobe oder rassistische oder antisemitische oder rechtsradikale Menschen mein Buch lesen. Ich will für solche Leute nicht schreiben. Ich will nichts mit ihnen zu tun haben.

Das hat die Person, mit der ich sprach, zwar nicht so wirklich eingesehen, aber es gibt Gründe dafür, dass ich jetzt nicht mehr mit ihr über meine Charaktere spreche. Oder überhaupt.

Denkt nicht daran, wer euer Buch durch eure Botschaft nicht lesen wird. Denkt daran, wer euer Buch und eure Botschaft lesen möchte, wer sie lesen sollte. Es gibt so viele Menschen in der LGBTQ+-Community, die Charaktere verdient haben, mit denen sie sich identifizieren können. Oder Menschen verschiedener Ethnien, die endlich mal einen starken, tollen Charakter mit einem ähnlichen Hintergrund wie dem ihren lesen wollen.

Wisst ihr, wie vielen kleinen Mädchen der Charakter Hermine aus Harry Potter in ihrer Jugend ein Vorbild war? Sie lässt sich nicht unterkriegen, ist wahnsinnig intelligent und generell eine echt tolle, weibliche Leitfigur. Wenn man J. K. Rowlings kürzliche Bemerkungen und Aussagen mal außen vor lässt und sich kurz gestattet, sie zu loben, hat sie da wirklich einen tollen Charakter geschaffen, der vielen Frauen beim Erwachsenwerden geholfen hat.

Und ich möchte ebenso tolle Charaktere schaffen, mit denen verschiedenste Menschen sich identifizieren können, die ihnen helfen. Dabei trete ich homophobe Schwachköpfe gerne in die Tonne. Die müssen mein Buch nicht unterstützen und sie müssen es auch gar nicht erst lesen.

Nochmal zurück auf die Frage: Für wen schreibt ihr? Für wen auch immer ihr wollt.
Schreibt nicht für das Publikum, vor dem ihr euch fürchtet, weil sie euer Werk sowieso nicht gut finden, da es sich nicht mit ihrer intoleranten Sicht auf die Welt verträgt. Schreibt für die Menschen, die euer Buch brauchen und die es unterstützen werden. Schreibt für die Minderheiten. Sofern ihr das wollt.

Lasst euch nicht von komischen Leuten einreden, dass euer Buch sich nicht verkauft, nur weil es queere Charaktere beinhaltet. Oder etwas ähnlich Schwachsinniges.

Für wen schreibt ihr euer Buch? Für euer Publikum, das ihr euch zu einem großen Teil selbst aussuchen könnt. Je nachdem, was für Botschaften ihr in euer Werk packt.

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